Schön Scheitern

Laut dem Marktforschungsinstitut Nielsen sind etwa 80% aller neu eingeführten Produkte nicht vom Erfolg gekrönt, obwohl diese nach bestem Wissen und Gewissen gemanagt wurden. Innovation und Scheitern scheinen also eng miteinander verknüpft zu sein.

In diesem Zusammenhang begegnet einem oft das Mantra „Fail fast“, oder auch „schnelles Scheitern“.

Schnell scheitern, um frühzeitig die Erfolglosigkeit einer Idee zu erkennen.
Schnell scheitern, um möglichst wenig Zeit und Geld zu verlieren.
Schnell scheitern, um das alte Projekt zu begraben und sich der nächsten, vielversprechenderen Idee hingeben zu können.
Erfolgreiche Innovatoren schwören darauf.

Um schnelles Scheitern besser zu verstehen, lohnt es sich, zunächst einmal den Blick auf das Scheitern als solches zu werfen. Was genau ist denn mit dem Begriff Scheitern gemeint?

Ganz allgemein meint Scheitern, ein angestrebtes Ziel nicht zu erreichen, keinen Erfolg zu haben, also eine Abweichung von dem, was ursprünglich geplant war. Soweit so gut. Wie aber verhält sich dann Scheitern zu Innovation, die ja per se etwas „Neues“ darstellen?

Sprechen wir von inkrementellen Innovationen (z.B. der Verbesserung eines bestehenden Geschäftsprozesses), so lässt sich der Zusammenhang zwischen Planung, Ziel und der Abweichung davon mehr oder minder unproblematisch herstellen. Wir haben klare Erwartungen an das, was dort geschaffen werden soll – der Grad an „Neuem“ ist entsprechend niedrig. Scheitern ist in diesem Zusammenhang somit ohne weiteres möglich – wenn auch nicht unbedingt wünschenswert.

Wie aber sieht es bei radikalen Innovationen aus? Hier ist die Planbarkeit, d.h. die Festlegung von Zielen doch weitaus eingeschränkter, denn viele Parameter sind im Vorhinein unbekannt, beziehungsweise verändern sich auf dem Weg zur eigentlichen Problemlösung. Es handelt sich um etwas Unbekanntes, was sich bisher noch nicht wirklich festmachen lässt. Ob und wann es sich dann um ein Scheitern handelt, ist in diesem Fall deutlich schwerer zu beurteilen. Wie sollte die Zielsetzung für ein solches Innovationsvorhaben aussehen? Ab welchem (Zeit-)Punkt sollte man das Vorhaben als gescheitert betrachten? Und dabei sicher zu stellen, es nicht verfrüht aufgegeben zu haben?

Eine Möglichkeit, dieser Herausforderung zu begegnen, ist das zirkuläre Überprüfen der ursprünglichen Zielsetzungen und Erwartungen entlang des Innovationsprozesses selbst.

Wie hat sich unser Projekt entwickelt? Was hat sich auf der Seite der Rahmenbedingungen (Markt, Unternehmen) getan? Müssen wir die Zeit und Ressourcenvorgabe neu überdenken? Oder halten wir an den ursprünglichen Zielen und Vorgaben fest?

Dabei ist es hilfreich, nicht ausschließlich die am Innovationsprozess Beteiligten entscheiden zu lassen (die gegebenenfalls stark emotional mit ihrem „Baby“ verbunden sind), sondern auch Stakeholder außerhalb des Teams in die Entscheidung mit einzubeziehen. Ob und wie die Innovation scheitert (oder nicht) wird somit zu einem gemeinsamen Entscheidungsakt, der unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen muss.

Ein anderer Aspekt, der betrachtet werden sollte, ist der Prozess des Scheiterns und seine Auswirkungen aus Sicht des Individuums als auch der Organisation. Denn Scheitern macht zunächst erst mal keinen Spaß und der spielerische Umgang damit will erst einmal entwickelt werden.

Auch das Umfeld spielt dabei eine wesentliche Rolle. Und damit auch die Art und Weise, wie die eigene Organisation und ihre Kultur mit dem Thema „Scheitern“ umgeht.

Ist Scheitern dort akzeptiert und wird als Teil des „normalen“ Geschäftsbetriebes verstanden? Gibt es ein ausreichendes Maß an Vertrauen innerhalb der Organisation, so dass sich die Menschen dort trauen, Fehler zu machen, darüber zu sprechen und so als Organisation daraus zu lernen? Oder ist wiederholtes Scheitern nach wie vor der sichere Weg, die eigene Karriere im Unternehmen drastisch zu verkürzen?

Im Ganzen bedarf es also einiger sorgsam gestalteten Voraussetzungen, damit Scheitern „positiv“ gelingen kann. Sowohl auf organisationaler als auch individueller Ebene. Und es bedarf sicherlich einigen Übens und Nachjustierens bis es vollständig klappt. Auch wenn einige Erfolgsgeschichten aus dem Silicon Valley etwas anderes suggerieren: Scheitern ist ein verdammt harter Job!